Doppelmoral in der Drogenpolitik

Beim Thema Drogenkonsum herrscht eine beispiellose Doppelmoral in unserer Gesellschaft

Jemandem, der noch nie Drogen konsumiert hat, zu erklären, wie sich Drogenkonsum anfühlt, ist so, als wollte man einem Blinden erklären, wie Farben aussehen. Jeder, der schon einmal psychoaktive Substanzen wie MDMA oder auch nur Cannabis konsumiert hat, wird verstehen, was damit gemeint ist – doch Menschen, die nichts mit Drogen zu tun haben, werden aus genau diesem Grund nie verstehen können, wieso Menschen sie konsumieren.

Es herrscht eine krasse Doppelmoral, wenn es um das Thema Drogen geht. Damit werden nämlich meist nur illegale Drogen gemeint. Alkohol ist kulturell bedingt als „Volksdroge“ überall erhältlich und darf sogar beworben werden. Es wird oftmals so getan, als gäbe es unproblematische Konsummuster nur beim Alkohol und nicht bei Substanzen, die unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) fallen. Dabei kann man, genauso wie mit Alkohol, auch mit den meisten anderen Drogen einen vernünftigen Umgang pflegen, auch wenn das, ähnlich wie beim Alkohol, natürlich nicht allen Konsumenten gelingt.

Drogenkonsumenten wird häufig attestiert, dass sie Probleme hätten, die Sie sich durch ihren Konsum zu verdrängen erhofften. Kürzlich taten dies z.B. einige Medien in der Debatte um Volker Beck, der mit 0,6 Gramm einer kristallinen Substanz erwischt wurde, bei der es sich vermutlich um Crystal Meth handelte.

Dabei weiß man doch oftmals gar nicht, aus welchen Gründen ein Mensch sich zum Drogenkonsum entschieden hat – möglicherweise wollte er einfach nur Spaß haben, und im Grunde ist das doch auch gar nicht verwerflich. Aus denselben Gründen trinken Menschen Alkohol, und als mündiger Bürger sollte man sich doch selbst das Rauschmittel seiner Wahl aussuchen können. Wenn jemand hingegen Drogen nimmt, um Probleme zu verdrängen oder seine Leistungsbereitschaft zu steigern, ist das als „negative Konsummotivation“ zu bezeichnen.

Diesen Menschen muss geholfen werden, und ein Verbot ist keine Hilfe, sondern macht den Drogenkonsum erst recht problematisch. Wenn z.B. jugendliche Kiffer von der Schule geworfen werden, ist das mehr als kontraproduktiv. Auch erwachsene, mündige Bürger müssen mit Strafverfolgung rechnen, wenn sie mit Drogen erwischt werden. Kommt das an die Öffentlichkeit, geht es zudem mit einem enormen Ansehensverlust einher.

Dabei ist es doch nicht die Aufgabe des Staates, erwachsene Menschen vor sich selbst zu schützen, auch wenn manche Politiker das anders sehen. Der Staat hat doch gar nicht die Legitimation, so weit in das Privatleben seiner Bürger einzugreifen. Man muss das mal so betrachten: Politiker, die nur von einem geringen Teil der Bevölkerung gewählt wurden, wollen allen Menschen vorschreiben, welche gesundheitlichen Risiken sie eingehen dürfen und welche nicht.

Klar, wenn man jetzt eine Volksabstimmung abhalten würde, dann würde sich vermutlich die Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Legalisierung von Drogen aussprechen. Doch das liegt vor allem daran, dass die meisten Menschen sich mit Drogen überhaupt nicht auskennen, weil sie nie richtig darüber aufgeklärt wurden.

Sonst wüssten sie, dass einige der größten Gefahren des Drogenkonsums allein durch das Verbot verursacht werden. So ist in Deutschland z.B. auch das Drug Checking verboten. In der Schweiz können Besucher von Festivals ihre Pillen testen lassen, um Gewissheit zu erlangen, ob tatsächlich die erwartete Substanz darin enthalten ist.

Wenn diese Substanzen legal erhältlich wären, würde sich die Frage gar nicht stellen, doch da Konsumenten auf den Schwarzmarkt zurückgreifen müssen, können sie sich nie ganz sicher sein, wie hochwertig die Qualität dessen ist, was ihnen dort angedreht wurde. Es kommt sogar vor, dass tödliche Stoffe wie PMA statt MDMA in Ecstasy-Pillen enthalten sind.

Wenn der Staat seine Bürger schützen wollte, müsste er allein aus diesem Grund das Verbot überdenken, denn es führt offensichtlich nicht dazu, dass die Verfügbarkeit von Drogen eingeschränkt wird, sondern lediglich zu einer Verschlechterung ihrer Qualität – und ist es wirklich verantwortlich, den Tod eines Menschen in Kauf zu nehmen, bloß weil er gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen hat?

Dieser Mensch nimmt in dem Moment zwar auch selbst seinen eigenen Tod in Kauf, aber das müsste er nicht, wenn der Staat sich da raushalten würde, statt ihn auf diese Weise zu schützen zu versuchen. Wenn es wirklich um den Schutz der Menschen geht, warum wird dann nicht stattdessen mehr Aufklärung über die tatsächlichen Gefahren des Drogenkonsums betrieben?

Und mit Aufklärung ist natürlich nicht gemeint, dass das Thema weiterhin tabuisiert und psychoaktive Substanzen pauschal verteufelt werden, wie es derzeit der Fall ist. Die meisten Jugendlichen machen ihre eigenen Erfahrungen mit Cannabis und stellen fest, dass das, was man ihnen in der Schule und den Medien darüber erzählt hat, nicht die ganze Wahrheit sein kann. Schließlich werden in Medienberichten zu diesem Thema nach wie vor Mythen aufgegriffen, die längst widerlegt wurden, wie z.B. die Behauptung, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei.

Wenn man das Schadenspotenzial verschiedener Drogen vergleicht, stellt man fest, dass Alkohol eine der gefährlichsten Drogen ist, die es gibt, und das gilt sowohl für die Selbst- als auch für die Fremdschädigung, wie z.B. eine Studie des Pharmakologen David Nutt belegt.

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Man muss nur einmal mit wachem Blick Volksfeste wie Karneval oder das Oktoberfest, auf denen viel Alkohol konsumiert wird, beobachten, um zu erkennen, dass Alkoholkonsum oftmals Aggressionen befördert, während z.B. MDMA ja ganz im Gegenteil ein Empathogen ist, das ein Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen erzeugt.

Auf Techno-Parties herrscht meist eine entspannte Grundstimmung, die kein Eingreifen der Polizei erfordern würde – aufgrund der Gesetzgebung gibt es leider trotzdem oft Razzien, bei denen die Polizei friedliche Partygäste nach verbotenen Substanzen durchsucht und dabei auch teils mit äußerster Härte vorgeht. Dass die Strafverfolgung von Dealern und Konsumenten nur wenig bis gar nichts bewirkt, sollte doch Anlass bieten, zu überdenken, ob dafür wirklich so viele Steuergelder aufgewendet werden müssen wie bisher.

Immerhin handelt es sich hier um ein opferloses Verbrechen. Die wirklich Kriminellen, die sich auch durch den gezielten Einsatz von Gewalt mithilfe von Drogengeschäften dumm und dämlich verdienen, werden nämlich nur ganz selten erwischt. Wer den Schwarzmarkt, von dem diese Menschen profitieren, wirkungsvoll bekämpfen will, muss Drogen legalisieren, um ihnen die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

 

Die Bundesdrogenbeauftragte hat überhaupt keine Ahnung von Drogen

Marlene Mortler begründete die Frage, warum Cannabis verboten ist, damit, dass es eine illegale Droge ist. Das heißt, ihr fiel in diesem Moment scheinbar kein einziges Argument ein, obwohl sie als Bundesdrogenbeauftragte auf eine solche Frage ja durchaus vorbereitet sein sollte.

Doch auch auf die Frage, was sie für diesen Posten qualifiziert, hatte sie keine Antwort. Stattdessen entgegnete sie, dieselbe Frage könne man ja auch z.B. der Verteidigungsministerin stellen. Das ist richtig, aber der Journalist hätte an der Stelle die Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass er nun mal sie gefragt hat und sie ihm die Antwort schuldig geblieben ist. Dabei hat sie die Frage ja eigentlich indirekt beantwortet: Sie ist nicht dafür qualifiziert, sie hat nicht einmal Ahnung von den Substanzen, die sie so verurteilt.

Regelmäßig reagiert sie unvorbereitet auf Fragen, die sie mit Fakten konfrontieren. Sie wusste weder etwas davon, dass in Portugal sämtliche Drogen entkriminalisiert wurden, noch kennt sie die Statistiken über die Zahl der Cannabis-Konsumenten im US-Bundesstaat Colorado, die seit der Legalisierung nicht, wie sie behauptet, gestiegen, sondern im Gegenteil sogar gesunken ist.

Dass der Protest gegen die Drogenpolitik sich so stark auf die Person Mortler konzentriert, liegt also vermutlich daran, dass sie wie kein anderer Politiker eine völlige Ahnungslosigkeit auf dem Themengebiet demonstriert, für das sie zuständig ist. Die Fakten scheinen ihr egal zu sein, mit den Argumenten ihrer politischen Gegner setzt sie sich kaum auseinander. Ihre ablehnende Haltung gegenüber einer Legalisierung ist rein ideologisch motiviert.

Wer offen für eine liberale Drogenpolitik eintritt, muss regelmäßig damit rechnen, auf sehr starke Ablehnung von Menschen zu stoßen, die sich kaum mit diesem Thema beschäftigt haben, und das ist auf Dauer extrem frustrierend. Gut möglich, dass sich in der Kampagne gegen Marlene Mortler dieser Frust an einer Person entlädt, aber es trifft in diesem Fall auch nicht die Falsche, denn ihre Ernennung steht symbolisch dafür, wie wenig Interesse hierzulande an einer inhaltlichen Auseinandersetzung über die Wirksamkeit der Drogenprohibition besteht.

Frau Mortler kann ja ruhig gegen eine Legalisierung sein, aber dann sollte sie das wenigstens begründen können. Da sie jedoch stur immer dieselben Argumente wiederholt, wenn ihr kritische Fragen zum Verbot von Cannabis und anderen Substanzen gestellt werden, wird ihr das von ihren Gegnern als Arroganz ausgelegt.

Natürlich würde die Absetzung Marlene Mortlers nicht dazu führen, dass alle Drogen legalisiert werden, aber es wäre schon wünschenswert, dass ihren Posten jemand übernimmt, von dem sich auch die Legalisierungsbefürworter ernst genommen fühlen.

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