Love Sex, hate Sexism!

Dieser Tage musste das ZDF auf seiner Facebook-Präsenz einen sexistischen Shitstorm über sich ergehen lassen, weil man es gewagt hatte, eine Frau als Kommentatorin bei der Übertragung eines EM-Spiels einzusetzen. Der Spartensender ZDF Neo hat diesen Screenshot gepostet, um darauf aufmerksam zu machen, welche Auswüchse das Ganze angenommen hatte:

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Dies möchte ich zum Anlass nehmen, um das Thema Sexismus einmal näher zu beleuchten, immerhin könnte man doch annehmen, dass nach den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht ein Bewusstsein für dieses Problem geschaffen wurde.

 

Die Instrumentalisierung der Kölner Silvesternacht lenkt  von dem eigentlichen Problem ab

Fälle von sexuellem Missbrauch sind hierzulande keine Seltenheit, allerdings waren diese noch nie so stark im kollektiven Bewusstsein wie die Kölner Silvesternacht. Man könnte einen solchen Vorfall zum Anlass nehmen, das Sexualstrafrecht zu verschärfen, damit demnächst konsequenter gegen Sexualstraftäter vorgegangen werden kann. Man könnte auch hinterfragen, warum die Polizei so überfordert war oder warum die Opfer nicht mehr Zivilcourage erfahren haben, doch stattdessen konzentrierte sich die mediale Debatte hauptsächlich auf die Herkunft der Täter. Natürlich waren sich konservative und rechte Parteien nicht zu schade, zu versuchen, politisches Kapital aus den Übergriffen zu schlagen.

Die einen versuchten, eine stärkere Überwachung des öffentlichen Raumes zu rechtfertigen, während die anderen Merkels Zuwanderungspolitik dafür verantwortlich machten und die Vorfälle nutzten, um eine konsequente Abschiebung krimineller Ausländer zu fordern. Was blieb, war aber auch kollektive Ratlosigkeit, was man gegen solche Auswüchse unternehmen könne.

Unsere ach so freiheitliche Gesellschaft kannte wieder mal nur eine Antwort auf das, was in Köln in der Silvesternacht passiert ist, und es ist dieselbe Antwort, die bereits nach den Anschlägen von Paris bemüht wurde: Der Ruf nach einem starken Staat. Mehr Polizeipräsenz, mehr Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen, ein Verbot sexistischer Werbung, die Einhaltung von Verhaltensregeln („Eine Armlänge Abstand“), Abschiebung der Täter und häufig auch die Androhung körperlicher Gewalt, kurz: Die Einschränkung sämtlicher Freiheit, die man eigentlich doch verteidigen will.

Man macht es sich aber zu einfach, wenn man glaubt, dass Menschen, die so etwas tun, einfach krank seien und nicht die Zusammenhänge mit den gesellschaftlichen Verhältnissen sieht, die solche Taten begünstigen. Das Problem heißt Sexismus, und dieses Problem ist kein importiertes, sondern besteht auch in Deutschland, solange Missbrauchsfälle und Vergewaltigungen in Clubs, auf Festivals oder auf Volksfesten wie Karneval und dem Oktoberfest nicht genauso verurteilt werden wie die Taten in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof.

Hierbei zeigt sich aber auch ein tatsächliches Problem, denn man darf auch nicht verleugnen, dass Sexismus zwar ein weltweites Problem ist, es hierbei aber durchaus qualitative Unterschiede gibt, die kulturelle Hintergründe haben. Das zeigt z.B. ein Blick nach Indien, wo Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Folglich ist es auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Aufnahme von Flüchtlingen damit einhergeht, dass eben auch Männer hierher kommen, deren Frauenbild problematisch ist.

Wenn man in einem Land aufwächst, wo es selbstverständlich ist, dass Frauen keine Rechte haben, dann ist es nur logisch, dass man diese Einstellung nicht einfach an der Landesgrenze ablegt. Aber es wäre ein fataler Fehlschluss, daraus zu schließen, dass man Menschen aus diesen Ländern keine Zuflucht mehr gewähren sollte. Flucht ist ein Menschenrecht, und Menschenrechte gelten auch für sexistische Arschlöcher. Menschenrechte zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie für jeden Menschen gelten. Doch auch wenn man nur die Täter abschiebt, löst man das Problem nicht, sondern verlagert es lediglich woanders hin. Eine langfristige Lösung wird es nur geben, wenn die Zustände in den Herkunftsländern verbessert werden.

 

Sexismus lässt sich nicht durch Verbote bekämpfen

Doch die Menschen wollen schnelle Lösungen für solche Probleme und die SPD war nun unter Zugzwang, weil die Übergriffe sich in einem Bundesland unter ihrer Führung ereignet haben. Bundesjustizminister Heiko Maas schlug daher vor, „geschlechterdiskriminierende Werbung“ zu verbieten. Wenn er einen solchen Gesetzesvorschlag forciert, dann tut er das jedoch erstens aus den falschen Gründen und wählt zweitens den falschen Ansatz. Denn es geht ihm ja eigentlich nicht darum, dass diese Werbung tatsächlich frauenverachtend ist. Vielmehr sieht er die bloße Darstellung nackter Haut als Ursache für die sexistischen Übergriffe, die sich in Köln an Silvester ereigneten.

Ob Maas wohl auch diese Werbung verbieten würde?
Ob Maas wohl auch diese Werbung verbieten würde?

Man könnte an dieser Stelle ernsthaft über den Zusammenhang zwischen sexistischer Werbung und sexuellem Missbrauch diskutieren. Natürlich wird ein falsches Frauenbild vermittelt, wenn diese auf Plakatwänden meist leicht bekleidet sind und sich möglichst lasziv räkeln, aber den Männern wird es sicher auch nicht gerecht, wenn man sie für so triebgesteuert hält, dass freizügige Werbeplakate sie zu potentiellen Sexualstraftätern machen könnten.

Ein solches Verbot wirkt in einer aufgeklärten Demokratie schlichtweg verklemmt und hat auch nichts mit einem modernen Frauenbild zu tun. Zwar sollten Frauen nicht als Sexualobjekte betrachtet werden, doch es darf auch nicht sein, dass ein freizügiger Kleidungsstil als Ursache für sexuelle Gewalt angesehen wird. Nein, das Problem ist viel tiefgreifender und beginnt in den Köpfen derer, die glauben, ein kurzer Rock sei eine Einladung.

Es wäre zwar schön, wenn man nicht überall mit sexistischer Werbung belästigt würde. Aber der Vorstoß von Maas ist kontraproduktiv. Zumal er, wie bereits erwähnt, eben nicht dazu geeignet ist, Sexismus zu bekämpfen, sondern selbst Ausdruck einer sexistischen Denkweise ist. Wie oft hört man im Zusammenhang mit Fällen sexuellen Missbrauchs Anschuldigungen, die Opfer seien doch selber schuld, weil sie so freizügig rumgelaufen seien? Unsere Gesellschaft sollte doch wohl so weit sein, dass Frauen sich so kleiden können, wie sie wollen, ohne Angst vor sexueller Belästigung haben zu müssen. Man darf die Schuld der Täter weder auf die Opfer noch auf Dritte wie in diesem Fall die Werbeindustrie schieben.

 

Der Fall Gina Lisa

Wie schwerwiegend die Problematik ist, verdeutlicht der Fall Gina Lisa: Hier wird nämlich deutlich, dass Sexismus erstens kein importiertes Problem ist, sondern in der deutschen Mehrheitsgesellschaft weit verbreitet ist, und dass zweitens das deutsche Sexualstrafrecht nicht in der Lage ist, Frauen vor Übergriffen und sogar Vergewaltigungen zu schützen.

Nach Silvester wurde leider nur am Rande darüber diskutiert, das Sexualstrafrecht anzupassen, so dass „Nein“ auch wirklich „Nein“ heißt – stattdessen stand die Forderung nach einer Verschärfung des Asylrechts im Fokus. Es ging also nicht wirklich um den Schutz der Opfer, sondern um die Kriminalisierung der Bevölkerungsgruppe, aus der die Täter stammten, schließlich waren es Nordafrikaner, was die ohnehin emotional aufgeladene Flüchtlingsdebatte zusätzlich aufheizte.

Im Fall Gina Lisa war es kein Problem, herauszufinden, wer die Täter waren – diese hatten die Tat sogar gefilmt und Boulevardmedien zum Verkauf angeboten, um auch noch Geld daraus zu machen. Anhand des Videomaterials war der Fall eigentlich klar: Immer wieder hört man Gina Lisa „Hör auf!“ sagen, außerdem wirkt sie wie weggetreten – man hatte ihr etwas ins Glas getan. Doch obwohl all das so offensichtlich war, kam es zu keiner Verurteilung. Der öffentliche Aufschrei blieb weitgehend aus, stattdessen zeichneten Medien wie „Die Welt“ ein Bild von Gina Lisa als Schlampe, womit ihr indirekt eine Mitschuld gegeben wurde.

Man muss Gina Lisa nicht mögen, um sich mit ihr zu solidarisieren. Es ist egal, ob sie zuvor auch schon Sextapes gedreht hat. Was spielt das für eine Rolle? Weil eine Frau einmal Sex vor der Kamera hatte, bedeutet das doch nicht, dass man das Recht hat, sie zu vergewaltigen und dabei zu filmen. Dass das Ganze in der medialen Darstellung schlicht als „Sex-Video“ betitelt wird, zeigt schon, wie ernst dieser Fall in den Medien genommen wird. Von Sex kann hier nämlich keine Rede sein. Sex ist einvernehmlich. Wenn eine Frau mithilfe von Betäubungsmitteln gefügig gemacht wird und die Männer trotz mehrfachen Widerspruchs nicht von ihr ablassen, ist das eine Vergewaltigung und muss auch eindeutig so benannt werden.

Immerhin haben die beiden Fälle dazu geführt, dass SPD-Minister den Druck auf die Union erhöhen, eine entsprechende Gesetzesvorlage einzubringen. „Nein heißt Nein“ soll ins Gesetz, das befürworten immerhin auch 86% der deutschen Bevölkerung. Noch ist das aber nicht beschlossen, und Gina Lisa wird das ohnehin nicht mehr helfen.

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