Nationalismus und Gewalt bei der EM

Es ist wieder einmal EM, und wie bei jedem großen Turnier ist auch diesmal wieder eine Debatte über Nationalismus entfacht worden. Diesmal war es die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz, die den Finger in die Wunde legte und die Fußballfans aufforderte, auf Deutschland-Fahnen zu verzichten.

Die Argumentation: Der sogenannte „Party-Patriotismus“ ist weder unverkrampft noch harmlos, sondern immer mit einer Aufwertung der eigenen Nation verbunden, die logischerweise zu einer Abwertung anderer Nationen führt – das zeigt sich nicht nur, wenn 50 deutsche Hooligans ukrainische Fans angreifen und eine Gruppe rechter Hools aus Dresden in Lille vor der Reichskriegsflagge posiert. Es zeigt sich auch in den Reaktionen auf den Vorschlag der Junggrünen, die sogar Morddrohungen erhielten.

Sieht so unverkrampfter Partypatriotismus aus?
Sieht so unverkrampfter Party-Patriotismus aus?

Woher kommt das Bedürfnis, „endlich wieder stolz auf Deutschland sein zu dürfen“? Viele Deutsche haben offenbar das Gefühl, dass man ihnen etwas weggenommen hat, weil sie im Gegensatz zu den Anhängern anderer Nationalteams nicht fröhlich ihre Fahnen schwenken können, ohne dafür zumindest von Teilen der Linken kritisiert zu werden.

Doch seit der WM 2006 herrscht Konsens darüber, dass die „schwarz-rot-geile“ Euphorie, die anlässlich jeder Welt- oder Europameisterschaft ausbricht, nichts mit Nationalismus zu tun hat und nicht nur ungefährlich, sondern sogar förderlich für das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Nation ist. Dass diese Nation nun mal keine wie jede andere ist, weil ihre Geschichte einmalig ist, will die Mehrheit der Deutschen nicht wahrhaben. Schließlich könne man ja nichts für die Taten seiner Vorfahren. Das stimmt, aber man muss die Nation, in deren Namen die eigenen Vorfahren zwei Weltkriege gestartet und 6 Millionen Juden ermordet haben, nicht unkritisch abfeiern.

In Deutschland herrscht auch heute wieder eine pogromartige Stimmung, es brennen täglich Flüchtlingsheime. Mit der AfD scheint sich erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Partei zu etablieren, die eindeutig als rechtspopulistisch, in Teilen sogar als rechtsextrem zu bezeichnen ist. Deren stellvertretender Sprecher Alexander Gauland sprach nun aus, was einige Deutsche denken: Dass die Menschen in Deutschland einen Boateng zwar als Fußballer mögen, ihn aber nicht als Nachbar haben wollen.

Er liegt damit nicht mal falsch. Doch es ging ihm natürlich nicht, wie er behauptet, darum, diesen „bedauerlichen Zustand“ aufzeigen zu wollen. In seiner Aussage war nämlich keinerlei Kritik zu hören. Vielmehr ging es ihm darum, dieses Anliegen vieler Deutscher als legitimes Argument in die Flüchtlingsdebatte einzubringen. Doch das ist es nicht. Seit wann kann man sich schon seine Nachbarn aussuchen?

Dass ausgerechnet jener Boateng nun im ersten Spiel mit einer spektakulären Rettungsaktion den Ausgleichstreffer der Ukrainer verhinderte, passt vermutlich ebenso gut zur Geschichte dieses Turniers wie das 2:0 durch Kapitän Bastian Schweinsteiger, der nach einer langwierigen Verletzung zurückgekehrt war. Schließlich war es doch Schweinsteiger, der durch seinen unermüdlichen Einsatz im WM-Finale die alten deutschen Tugenden wieder aufleben ließ.

Sollte „die Mannschaft“ am Ende den EM-Titel in den Händen halten, wird vermutlich wieder ein Film darüber gedreht werden, und dann werden diese Szenen auf keinen Fall fehlen. Schließlich haben sie Symbolcharakter, repräsentieren genau das, wofür die Nationalmannschaft heute stehen soll: Sie soll den multikulturellen Charakter der deutschen Gesellschaft verkörpern. Die Vorlage zu Schweinsteigers Treffer kam von Mesut Özil, das 1:0 erzielte Shkodran Mustafi per Kopf.

Auch die Spielweise und das Auftreten der Mannschaft haben sich verändert. Während früher die aufbrausende Art eines Olli Kahn oder eines Stefan Effenberg noch als Leidenschaft interpretiert wurde, werden heute Spieler wie Max Kruse oder Kevin Großkreutz für Eskapaden mit Nichtberücksichtigung bestraft. Der DFB will sein Image wahren, hat eine gewisse Vorbild-Funktion. Deshalb durfte Christoph Daum auch nicht Bundestrainer werden, nachdem bekannt wurde, dass er gekokst hat.

Doch ist Jogi Löw, der wegen Rasens und Telefonierens am Steuer seinen Führerschein verlor, ein so viel besseres Vorbild? Dadurch hat Löw ja schließlich nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen gefährdet.


Joachim Löw – ein Vorbild?

 

Und hat sich das Verhalten der deutschen Fans in den letzten Jahren wirklich so zum Positiven verändert? Bei der WM 1998, die ebenfalls in Frankreich stattfand, hatten deutsche Hooligans einen Polizisten fast tot geprügelt. Nun halten sich nach Informationen der szenekundigen Beamten derzeit etwa 150 polizeibekannte Gewalttäter aus Deutschland in Frankreich auf. Im Stadion wurde der Neonazi Michael Brück gesehen, der für die Partei „Die Rechte“ im Dortmunder Stadtrat sitzt – im Beisein seines Kameraden Matthias Deyda. In der deutschen Fankurve wurde – wie so oft bei Spielen der DFB-Elf – „Mexiko“ von den Böhsen Onkelz gesungen.

 

 

Man muss sich im Klaren sein, dass der Anteil rechtsextremer und gewaltorientierter Anhänger an den Fans, die der deutschen Nationalmannschaft zu den Spielen hinterherreisen, auch heute noch überdurchschnittlich groß ist – zumindest, wenn man dies in Relation zum deutschen Vereinsfußball setzt. Dass man trotzdem guten Gewissens die deutsche Mannschaft anfeuern kann, versteht sich von selbst. Schließlich besteht sie zu einem beachtlichen Teil aus Spielern mit Migrationshintergrund, die, wenn es nach AfD, PEGIDA & Co. ginge, vermutlich gar keinen deutschen Pass besitzen dürften.

Es ist sowieso nicht die Mannschaft, die von den Rechten angefeuert wird. Doch in dem Moment, wo die Fans der deutschen Elf ihre Gefühle durch das Schwenken deutscher Fahnen ausdrücken, bekennen sie sich nicht nur zur Mannschaft, sondern eben auch zur deutschen Nation. Dass viele ein solches Bekenntnis heutzutage für unproblematisch halten, ist das eigentliche Problem.

Wenn man Patriotismus und Nationalstolz in Deutschland kritisiert, wird einem häufig entgegnet, man habe ja nichts mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu tun und müsse sich daher nicht dafür schämen, Deutscher zu sein. Da ist etwas Wahres dran. Es gibt tatsächlich keinen Grund, sich für seine Herkunft zu schämen. Es gibt aber auch keinen Grund, stolz darauf zu sein. Deshalb lehne ich Nationalismus prinzipiell ab, doch es ist in Anbetracht der Geschichte unseres Landes nun mal ein qualitativer Unterschied, ob man sich als Franzose mit den Werten „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ identifiziert oder ob man als Deutscher stolz ist auf… ja, auf was eigentlich? Goethe und Schiller? Wer von denen, die das behaupten, hat Werke von ihnen gelesen? Und wie kann man einerseits argumentieren, das dritte Reich sei ja immerhin „schon 70 Jahre her“ und sich andererseits auf Dichter beziehen, die seit 200 Jahren tot sind?

Oft wird auch argumentiert, dass es doch gute Gründe gäbe, stolz auf Deutschland zu sein. Schließlich hätte Deutschland als eine der ersten Industrienationen ein funktionierendes Sozialsystem etabliert. Abgesehen davon, dass der Sozialstaat in den letzten Jahren mehr und mehr abgebaut wurde, muss man anerkennen: Ja, es geht uns verhältnismäßig gut in Deutschland. Und das ist ein Grund, froh zu sein, in Deutschland zu leben, aber eben nicht stolz. Man kann höchstens auf das stolz sein, was man selbst geleistet hat, und der Beitrag, den ein Einzelner für den gesellschaftlichen Wohlstand hierzulande leisten kann, ist eher gering.

Ein weiteres Argument, das ich hier entkräften möchte, ist, dass Flüchtlinge und Migranten ja bevorzugt nach Deutschland wollen, weil das Leben hierzulande so lebenswert sei. Das ist nicht mal falsch. Doch man darf nicht vergessen, dass unser Wohlstand teilweise auf Kosten der Länder finanziert wird, aus denen Menschen fliehen, weil dort ihre Existenzgrundlage bedroht ist.

Es bleibt also die Frage, warum man stolz darauf sein sollte, dass man zufällig das Glück hatte, an diesem Fleck der Erde geboren zu sein. Offenbar wollen viele einfach die Sorgen des Alltags vergessen und sich der Illusion hingeben, einem Kollektiv anzugehören, das sich durch „pure Lebenslust“ auszeichnet.

„Du und dein Boss ham nix gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot“ (K.I.Z. – Boom Boom Boom)

Um zu sehen, wohin übersteigerter Nationalismus führen kann, muss man nicht mal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, man sieht es auch ganz aktuell bei den Vorkommnissen im Rahmen des Spiels zwischen England und Russland. Die Russischen Hools waren bestens organisiert und teilweise mit Mundschutz und sogar Messern ausgerüstet. Niemand von ihnen wurde festgenommen, mittlerweile befinden sich die meisten von ihnen nicht mehr in Frankreich. Ein russischer Hool hatte die Angriffe mit einer GoPro gefilmt, ein anderer hatte der französischen Nachrichtenagentur AFP ein Interview gegeben.

Zumindest der Protagonist des Videos dürfte sich damit keinen Gefallen getan haben: Die grünen Shorts sind nicht gerade unauffällig und auf Bildern ist sein Gesicht eindeutig zu identifizieren. Ob er deshalb nun rechtliche Schritte befürchten muss, darf allerdings bezweifelt werden.

Diese Szene ist etwa 2 Minuten nach Beginn des Videos aus der Sicht des Mannes mit den grünen Shorts zu sehen.
Diese Szene ist etwa 2 Minuten nach Beginn des Videos aus der Sicht des Mannes mit den grünen Shorts (links) zu sehen.

Der russische Politiker Igor Lebedev, der Mitglied des Exekutivkommitees der Russischen Fußball-Union ist, verteidigte das Vorgehen seiner Landsleute auch noch. Diese hätten bloß „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“. Weiterhin sagte er: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“ – angesichts solcher Äußerungen eines Funktionärs des betroffenen Nationalverbandes kann man in diesem Fall sogar den Ausschluss des russischen Teams, der zunächst zur Bewährung ausgesetzt wurde, nachvollziehen.

Zwar folgt dieser derselben Logik, mit der auch in der Bundesliga Vereine Strafen für das Fehlverhalten ihrer Fans zahlen müssen, was ich prinzipiell ablehne, doch ich habe auch noch nie gehört, dass Jörg Schmadtke lobende Worte für Angriffe auf Gladbacher gefunden hätte.

Apropos Schmadtke: Der hat aktuell leider keine Neuigkeiten bezüglich des Transferkarussells zu vermelden und befindet sich derzeit in Urlaub. Hoffen wir, dass sich in den nächsten Wochen was tut, während ganz Deutschland im Fußballfieber versinkt. Denn wenn die EM vorbei ist und die neue Saison beginnt, werden die Deutschland-Fahnen wieder eingepackt und dann zählt in Köln wieder nur der FC.

2 Kommentare zu “Nationalismus und Gewalt bei der EM

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