Über die Auflösung der Boyz

Disclaimer: Diesen Text habe ich wenige Tage nach der Auflösung der Boyz im Vorfeld des Mainz-Spiels geschrieben, jedoch bisher nicht veröffentlicht. Da die Boyz in ihrer 17-jährigen Geschichte die Fankultur in Köln maßgeblich geprägt haben und bis zuletzt ein wichtiger Teil der Kölner Fanszene waren, habe ich mich nun doch zur Veröffentlichung des Textes entschieden.

 

Ich habe die dumme Angewohnheit, Facebook-Kommentare zu Artikeln zu lesen. Hier tun sich teilweise menschliche Abgründe auf: Stammtischparolen, rechte Hetze und persönliche Beleidigungen dominieren viele Kommentarspalten. So ist es nicht nur bei Artikeln über politische Themen, sondern auch, wenn es um Fußball geht – besonders beim Thema Fankultur.

Häufig lassen sich Menschen über „die Ultras“ aus, denen man anmerkt, dass sie sich mit dieser Subkultur nicht wirklich auseinandergesetzt haben. Klar, es mag oftmals legitime Gründe dafür geben, sich über das Verhalten einiger Ultras aufzuregen. Aber der Ton macht ja bekanntlich die Musik.

Es gibt die Möglichkeit, die Vertreter der Ultra-Gruppen persönlich anzusprechen. Der Südkurven-Stammtisch wurde ins Leben gerufen, um genau solche Themen zu klären. Denn es ist ja durchaus verständlich, dass es Außenstehenden schwer fällt, die Beweggründe der Ultras nachzuvollziehen, die z.B. ein Spiel bei RB Leipzig boykottieren. Ich selbst halte das für die falsche Form des Protests, da ich denke, dass man sich selbst des Vorteils einer lautstarken Fankultur beraubt und es viel mehr bringen würde, nach Leipzig zu fahren und dort für Heimspielstimmung zu sorgen. Doch auch, um über diesen Boykott zu diskutieren, gab es einen Südkurven-Stammtisch.

Nun haben sich die Boyz aufgrund des Verlusts ihrer Zaunfahne aufgelöst. Eine Gruppe, der ich stets kritisch gegenüberstand, u.a. aufgrund ihres freundschaftlichen Verhältnisses zu den Desperados Dortmund, die als rechtsoffen gelten. Eine Gruppe, die besonders häufig in der Kritik stand, sicher auch nicht immer zu Unrecht. Doch es ist auch eine Gruppe, die 17 Jahre lang den Verein aktiv im Stadion unterstützt hat und über die nun wildfremde Leute schreiben, ihr Verhalten sei „Kindergarten“ und die Unterstützung des Vereins scheine ihnen ja nicht so viel zu bedeuten. Diese Gruppe hat vier der fünf Abstiege miterlebt. Die Zaunfahne war immer dabei, egal ob in Borisov, Belgrad und London oder in Aue und Sandhausen.

Die Bedeutung dieser Zaunfahne für eine Ultra-Gruppe zu verstehen, ist etwas, das vielen anderen Fans schwer fällt. Die Fahne repräsentiert die Gruppe nach außen. Wenn man diese Fahne oder auch andere von der Gruppe hergestellte Materialien wie Schals und Hoodies verliert, ist das eine leidvolle Erfahrung für die Betroffenen. Man stellt sich noch lange danach die Frage, ob man nicht mehr hätte tun können, um das zu verhindern.

Überhaupt ist der Diebstahl von Fanmaterialien ein zweischneidiges Schwert: Hat nicht auch ein Großteil der Anhänger in der Südkurve, die sonst so gern über die Ultras herziehen, beim Präsentieren des UMG-Banners 2008 und dem Entwenden der Zaunfahne von Scenario Fanatico zu Beginn der Rückrunde Schadenfreude empfunden und in die hämischen Gesänge („Wo ist die UMG?“) eingestimmt?

Ich frage mich manchmal, ob diese Leute sich überhaupt Gedanken darüber machen, dass sich durch solche Aktionen auch die Gewaltspirale zwischen den Anhängern beider Klubs weiterdreht. Aktionen wie der Angriff Gladbacher Hooligans auf die Südkurve vor wenigen Jahren sind eine Folge davon.

Damit wollen natürlich nur die wenigsten Fans etwas zu tun haben, doch genau darin zeigt sich die Doppelmoral, die viele an den Tag legen, wenn es um Ultras geht. Vielleicht ist es auch einfach nur Unverständnis dafür, dass eine solche Aktion mit Gewalt beantwortet wird. Denn um das zu verstehen, müsste man sich in die Lage der Betroffenen hineinversetzen und begreifen, wie tief der Schmerz über eine verlorene Fahne sitzt.

Natürlich ist das keine Legitimation für Gewalt. Es hilft aber auch nicht, Gewalt einfach nur zu verurteilen, ohne zu verstehen, woher sie kommt. Wer sich mal etwas ausführlicher damit auseinandergesetzt hat, wird feststellen, dass es Gewalt beim Fußball schon lange vor dem Entstehen der Ultra-Bewegung gab und dass diese in den letzten Jahrzehnten sogar abgenommen hat. Das Gewaltproblem ist durch die Ultras allerdings auch sichtbarer geworden, da Ultras sich in der Regel nicht auf dem Acker zu verabredeten Schlägereien treffen, sondern z.B. auf Bahnhöfen die Wege anderer Gruppen kreuzen, die ebenfalls zu einem Auswärtsspiel ihres Vereins reisen.

Beim Fahnenklau verhält es sich ähnlich: Während Hooligans die Öffentlichkeit eher vermeiden, um ungestört zu sein, ist es für Ultras witzlos, gegnerisches Fanmaterial zu erbeuten, ohne es anschließend auch im Stadion zu präsentieren. In den besagten Fällen ist zumindest niemand beim Diebstahl der Fahnen zu Schaden gekommen. Doch leider läuft das nicht immer so ab. Es kommt immer wieder zu Situationen, wo mehrere Personen auf Einzelne losgehen, nur um ihnen einen Schal zu entwenden. Es ist wichtig, dass ein solches Verhalten auch in den Ultra-Gruppen kritisch hinterfragt wird.

Ebenso wichtig wäre es, dass der Dialog zwischen den Ultras, den anderen Fans und auch dem Verein wieder mehr vorangebracht wird, anstatt sich nur gegenseitig Vorwürfe zu machen. Es ist immer besser, miteinander als übereinander zu reden. Ich kann nur jedem der Facebook-Kommentatoren empfehlen, mal am Spieltag hinter der Südkurve das persönliche Gespräch mit Ultras zu suchen.

Was die Boyz angeht, so wird man sie in Köln vermutlich noch schmerzlich vermissen. Die Stimmung in der Südkurve war schon gegen Mainz nicht der sportlichen Bedeutung dieses Spiels angemessen. Natürlich hat dazu auch die wieder einmal schwache sportliche Leistung der Mannschaft ihren Teil beigetragen. Nach dem desaströsen 0:6 in Hoffenheim hatte man sich als FC-Fan Wiedergutmachung erwartet. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, die Mannschaft in einer solchen Situation im Stich zu lassen. Diesen Vorwurf müssen sich die Boyz aber sicher am Wenigsten gefallen lassen.

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