Was heißt es, heute jung und links zu sein?

Diese Frage stellte sich ZEIT CAMPUS, das Studienmagazin der ZEIT, und hat die Leser dazu aufgefordert, ihre Gedanken aufzuschreiben und an leser-campus@zeit.de zu schicken. Da fühlte ich mich natürlich angesprochen, und habe den folgenden Text hier geschrieben. Leider bekam ich keine Antwort, daher veröffentliche ich ihn jetzt einfach hier. Wie immer interessiert mich natürlich auch eure Meinung, also schreibt ruhig mal einen Kommentar.

 

Für mich bedeutet links sein einerseits, gegen jede Form von Diskriminierung vorzugehen (was aber meiner Meinung nach keine Frage der politischen Einstellung, sondern eine Frage des Anstandes ist). Jedoch bedeutet links sein für mich eben auch, darüber hinaus die Frage zu stellen, wie man ermöglichen kann, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Religion, Herkunft, Hautfarbe oder Sexualität frei und selbstbestimmt leben können.

Das sind aber vermutlich Positionen, die auch Liberale unterschreiben könnten. Was links sein wirklich ausmacht, ist doch, zu erkennen, dass es keine wirkliche Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit geben kann. Wenn ein Bürger am Rande des Existenzminimums lebt und somit gezwungen ist, Arbeiten zu verrichten, die er freiwillig niemals machen würde, dann ist er auch nicht wirklich frei.

Links sein muss in Zeiten von PEGIDA und AfD auch heißen, Islamkritik nicht den Rechten zu überlassen, sondern den Unterschied zwischen legitimer Religionskritik der Linken und dem kulturellen Rassismus der Rechten deutlich zu machen. Das Frauenbild und die Homophobie, die nicht nur, aber auch und gerade in der islamischen Welt vorherrschen, sind aus linker Perspektive absolut kritikwürdig.

Linke sollten zudem nicht den Fehler machen, blind für diskriminierende Positionen aus den eigenen Reihen zu werden. Es gibt vor allem in der antiimperialistischen Linken viele Antisemiten, die ihren Judenhass unter dem Deckmantel der Israelkritik verbreiten. Die Kritik daran ist richtig und notwendig. Dass sich aber mit den „Antideutschen“ und den „Anti-Imps“ nun zwei linke Strömungen feindlich gegenüberstehen, schwächt die Szene.

Die politische Linke war immer schon in verschiedene Lager aufgespalten. Das Angebot ist vielfältig und reicht von autonomer Antifa über die Grünen und die Linkspartei bis zur SPD. Sie alle können sich zwar auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, für eine offene Gesellschaft einzustehen. Sie fordern auch alle mehr soziale Gerechtigkeit, doch sie unterscheiden sich sehr stark in ihrer Analyse der bestehenden Verhältnisse und somit auch in ihren Lösungsansätzen.

Auch heute gibt es z.B. noch vereinzelte Linke, die den Realsozialismus gutheißen oder zumindest verharmlosen. Ich würde mich selbst als antiautoritären Linken bezeichnen und bin der Meinung, dass der Realsozialismus soweit von linken Idealen entfernt war, wie es nur geht. Wobei ich an der Stelle anmerken möchte, dass man nicht sagen sollte, dass das, was in der DDR, der Sowjetunion oder auch in China im Namen des Kommunismus verbrochen wurde, nichts mit der ursprünglichen Idee zu tun habe. Dass schon Marx autoritäre Ansichten vertrat, kann man nachlesen – links sein heißt nämlich nicht nur, auf Demos zu gehen, sondern auch, sich mit linker Theorie zu beschäftigen. Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, dass Menschen, die sich als links bezeichnen würden, kaum Ahnung davon haben.

Noch besorgniserregender finde ich, zu beobachten, dass viele junge Menschen sich überhaupt nicht mehr für Politik interessieren und das nur noch als Fach in der Schule begreifen. Denn jung und links sein war früher vielleicht mal cool, heutzutage gehört man eher der Minderheit an. Klar sind auch viele junge Leute „irgendwie dagegen“, was „die da oben“ so machen – nur Wenige können klar benennen, was aus ihrer Sicht falsch läuft und das auch begründen, noch weniger haben eine ernsthafte Vorstellung davon, was man besser machen könnte. Stattdessen glauben viele Verschwörungstheorien, wonach es eine kleine Elite von Reichen und Mächtigen gibt, die im Geheimen das Weltgeschehen steuert, oder machen einfach die USA bzw. Israel für alles Übel auf der Welt verantwortlich.

Natürlich sind solche Theorien auch mit rechtem Gedankengut kompatibel und angesichts des derzeitigen Rechtsrucks in der Gesellschaft ist man heutzutage als Linker in der Defensive. Statt das System zu kritisieren, verteidigen viele Linke es gegen die Kritik von der rechten Seite. Dass sich die öffentliche Meinung nach rechts verschoben hat, ist offensichtlich. Da wird eine Regierung als „linksgrünversifft“ bezeichnet, die aus unserer Sicht neoliberal ist.

Jung und links sein ist also heutzutage auch ein Ankämpfen gegen Windmühlen und das Verteidigen eines Begriffs, der aus der Mode gekommen ist. Es bedeutet auch, ein System zu kritisieren, mit dem die überwiegende Mehrheit der Menschen sich abgefunden hat, da sie es als alternativlos empfinden. Der Kapitalismus hat sich gegenüber dem Kommunismus als konkurrierendem System durchgesetzt und die meisten Menschen denken, dass es uns doch verhältnismäßig gut geht und dementsprechend auch kein Handlungsbedarf bestehe.

Doch es gibt genug Belege dafür, dass dieses System menschenverachtend ist. Sei es, dass Flüchtlinge im Mittelmeer verrecken, obwohl die EU die finanziellen Mittel hätte, diese Menschen zu retten. Wo leben wir denn, wenn die Rettung von Menschenleben nicht oberste Priorität hat und über allen wirtschaftlichen und politischen Interessen steht? Ein weiteres Beispiel ist der Welthunger. Die Ursache dafür ist ja nicht, dass es zu wenig Nahrung gibt, sondern dass sie ungerecht verteilt ist.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Kapitalismus nicht so funktioniert, wie er soll, ist die geplante Obsoleszenz. Es ist mittlerweile erwiesen, dass einige Firmen absichtlich Fehler in ihre Produkte einbauen, damit diese nach einer gewissen Zeit kaputtgehen und der Kunde Ersatz kaufen muss. Die Idee des Kapitalismus ist doch, dass letztlich auch die Menschen davon profitieren, wenn Firmen im Sinne der Gewinnmaximierung Innovationen voranbringen. Das Gegenteil ist hier der Fall.

Dann ist da noch das Paradoxon, dass wir es als Problem begreifen, wenn es nicht genug Arbeitsplätze gibt. Theoretisch könnte man sich darüber freuen, dass es so wenig Arbeit gibt, dass nicht alle Menschen permanent beschäftigt werden können (bzw. müssen). Warum sollte man nicht über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutieren, wenn sowieso nicht so viel zu tun ist, dass man befürchten müsste, dass dadurch die Gesellschaft zusammenbricht?

Klar, Kommunismus hat auch deshalb nicht funktioniert, weil Menschen sich nun mal nicht damit zufrieden geben, nur ihre Bedürfnisse zu stillen. Doch genau aus diesem Grund ist das Grundeinkommen ja so eine innovative Idee: Weil hier jeder die Möglichkeit hat, sich zusätzlich zu dem Einkommen, das er so oder so erhält, noch etwas dazuzuverdienen. Liberale kritisieren ja gerne, dass der Anreiz genommen werde, zu arbeiten, wenn man dadurch nicht wesentlich mehr verdient als durch Hartz IV. Das würde ich nicht mal abstreiten, doch als Linker schließe ich daraus, dass die Löhne erhöht und nicht das Arbeitslosengeld gesenkt werden muss – oder eben über alternative Konzepte wie das BGE nachgedacht werden muss, auch im Hinblick auf den demographischen Wandel.

Doch leider geht der relative Wohlstand hierzulande wie bereits erwähnt damit einher, dass die meisten Menschen denken, dass keine Notwendigkeit für solche „Experimente“ besteht. Dabei ist z.B. der demographische Wandel ein Problem, für das bisher noch keine der etablierten Parteien eine ernsthafte Lösung hat, außer das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Soll man in Zukunft arbeiten, bis man tot umfällt?

Ein Bewusstsein für solche Probleme tritt bei den meisten Menschen allerdings erst ein, wenn sie selbst davon betroffen sind. Dabei ist es dann eigentlich schon zu spät. Ich stelle daher die These auf, dass wir uns in einer Zeit des gesellschaftlichen Stillstands befinden. Die Gesellschaft wird jedoch erst bereit für Veränderung sein, wenn die Krise des Kapitalismus sich auch hierzulande dramatisch zuspitzt.

Mit Blick auf die Geschichte lässt sich feststellen, dass es immer Linke waren, die diese Gesellschaft nach vorne gebracht haben. Man würde diese Menschen vielleicht heutzutage nicht mehr als Linke bezeichnen, doch damals standen sie auf jeden Fall links von den etablierten Kräften. Daher würde ich behaupten, dass es immer auch davon abhängt, wo sich die breite Masse politisch verordnet, welche Ansichten man als „links“ bezeichnen würde.

Deshalb lehne ich auch die Extremismustheorie ab, weil sie zum einen Menschen, die sich für Flüchtlinge und gegen Rassismus engagieren, mit Neonazis gleichsetzt, und zum anderen auch verkennt, dass eben auch in der Mitte der Gesellschaft rechtsextreme Einstellungen weit verbreitet sind, wie kürzlich die Leipziger „Mitte-Studien“ zeigten.

Dass Abgeordnete der Linkspartei oder die Band „Feine Sahne Fischfilet“ vom Verfassungsschutz beobachtet werden, während die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) jahrelang vor dessen Augen unbemerkt morden konnten, zeigt, dass der Staat offenbar immer noch Linke für die größere Gefahr hält – und das zeigt, dass es dem Staat vor allem darum geht, sich selbst zu schützen und nicht seine Bürger, denn für die sind sicherlich Rechte gefährlicher.

Als junger Linker wird man aber auch häufig nicht ernstgenommen. Man kennt ja den Satz von Winston Churchill: »Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand.« – das Linkssein wird häufig einfach als eine Phase dargestellt, die viele in ihrer Jugend durchlaufen. Das heißt, die Menschen, die so denken, glauben entweder, dass ich meine Meinung sowieso bald ändern würde, oder andernfalls, dass ich mich nicht weiterentwickelt hätte, ganz so, als würde eine rationale politische Haltung erst mit dem Alter eintreten. Dass das häufig nicht der Fall ist, hat letztens der Brexit gezeigt. Es waren ja schließlich vor allem die Alten, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben.

Festzuhalten bleibt, dass man als Linker zurzeit keinen großen Anlass hat, optimistisch zu sein. Nazis, Verschwörungstheoretiker, religiöse Fundamentalisten und Antisemiten bedrohen alles, wofür Linke einst gekämpft haben, und dabei wäre es nicht nur unsere Aufgabe, diese Werte zu verteidigen, sondern dafür zu kämpfen, dass unsere Gesellschaft noch freier und offener wird.

Links sein heißt also, gegen den gesellschaftlichen Stillstand und die Reaktion gleichermaßen anzukämpfen und die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufzugeben, auch wenn es zurzeit gar nicht gut aussieht.

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